Verschiedene Pseudonyme gaben ihm immer die Chance, in verschiedene Identitäten oder wie er sagt “in unterschiedliche Anteile seines Selbst hineinzugehen und damit verschiedene Teile seiner Persönlichkeit zu zeigen”: Wir sprachen mit Amano Amoroso über die Lust am Wandern zwischen den (Lebens-) Welten, welche Chance Literatur einem selbst bietet und welche Rolle Erfolg dabei spielt:

Amano Amoroso: “Literatur bietet die Chance, „ganz ich“ zu sein, indem man alle verschiedenen Anteile zu Wort kommen lässt”
Zunächst einmal: Mit wem spreche ich eigentlich gerade? Mit Amano Amoroso, mit David Labusch, mit Filou – oder doch mit Klaus Altepost?
Du hast Recht: Ich hatte immer schon große Freude an verschiedenen Pseudonymen bzw. daran, unter verschiedenen Namen zu publizieren. Es gibt übrigens noch weitere Namen: Karl M. Justus, Joop van Hövede oder auch Locker van Hocker. Aber im Zweifel – und in „echt“ – bin ich dann doch Klaus Altepost.
Warum dann also das „Verstecken“ hinter anderen Namen?
Ich würde es nicht „verstecken“ nennen. Die verschiedenen Pseudonyme gaben mir immer die Chance, in verschiedene Identitäten oder besser: in unterschiedliche Anteile meines Selbst hineinzugehen und damit verschiedene Teile meiner Persönlichkeit zu zeigen. Jeder Mensch hat solche
verschiedenen – manchmal sogar sehr widersprüchlichen – Anteile in sich, aber nur wenige stehen dazu. Vielleicht, weil sie es sich in einem Teil, der „draußen“ gut ankommt, schön eingerichtet haben, oder sie haben auch Angst davor, die versteckten Anteile aus sich herauszulassen. Manchmal ist es auch schwer für die Mitmenschen, einen damit richtig zu verstehen und „einzuordnen“; aber vielleicht will der eine oder die andere ja auch gar nicht in festen Schubladen „eingeordnet“ werden? Ein alter Nachbar hat mich in solch einer Situation mal mit einem Seufzer als „Wanderer zwischen den Welten“ bezeichnet, mit dem er es manchmal schwer habe. Ich selbst möchte es aber nicht anders, und ich sehe es positiv: Jeder Mensch kann gleichzeitig ein Theologe und ein Tantriker sein, ein disziplinierter Sportler und ein Müßiggänger – solche Rollenwechsel stärken, wenn man sie bewusst zulässt (und sich nicht allzu sehr um die Meinung der anderen dazu kümmert) die eigene Identität, sie tun der Seele gut. Natürlich sollte man niemand damit verletzten – und diese Freiheit immer auch den anderen zugestehen.
Und die Pseudonyme sind dann sozusagen die „Brücken“ zu den verschiedenen literarischen Projekten?
Ganz genau. In einem „Zweizeiler“ aus dem letzten Buch von Amano Amoroso (Kurz und gut, das reicht. Leben im Zweizeiler, 2026) bezeichnet sich das literarische Ich als „Erfinder“: „Ich erfinde mich jeden Tag neu“.
Die Literatur bietet die wunderbare Möglichkeit, die verschiedenen Facetten des Lebens und der Eigenwahrnehmung darzustellen.
Der Theologe denkt über den Sinn der Welt nach, der Lyriker über das Wesen der Liebe, der Tantriker über die Kraft von körperlichen Berührungen, der Melancholiker über die Nöte der Existenz, der Agnostiker über das Dasein nach Leben und Sterben. Kurzgefasst: Literatur bietet die Chance, „ganz ich“ zu sein, indem man alle verschiedenen Anteile zu Wort kommen lässt.
Wie wichtig ist es dabei, Erfolg zu haben – auch im wirtschaftlichen Sinn?
„Erfolg“ ist relativ und hat sicher nur zu einem geringen Teil mit Verkaufszahlen und Geld zu tun. Natürlich muss man leben – und entsprechend auch etwas verdienen, um dieses Leben ohne wirtschaftliche Nöte zu finanzieren. Aber niemand sollte sich dadurch einschränken oder sich gar an den „Mainstream“ verkaufen (es sei denn, er fühlt sich gerade darin wohl). Ich rate deshalb jedem (neuen) Autor zu einem bürgerlichen Hauptberuf, der seinen Lebensunterhalt sichert, aber ihm noch genügend Zeit und Muße lässt für anderes, kreatives, musisches Tun. Als Autor hatte ich fast nie „gute Zahlen“ (eine Ausnahme bildeten da tatsächlich nur die allerersten Bücher, mit denen ich mein Studium finanziert habe), deshalb habe ich mein Geld ja auch als Redakteur, Lektor, Programmleiter, Verleger und Agent verdient (und das immer unter meinem „richtigen“ Namen!). Hier stimmten die Zahlen, was mir dann die Freiheit gab, „Erfolge“ anderer Art (wundervolle Begegnungen, gute Gespräche, viel Liebe, Zuspruch und Ermutigungen, wertvolle Lektüre, Treffen mit Künstlern und vieles mehr) wahrzunehmen und zu genießen. Die „Lust am Wandern“ brachte ich immer mit – die Wege dafür aber wurden mir geschenkt!
Sind denn noch weitere Bücher (unter welchem Pseudonym auch immer) geplant?
Im Moment nicht – aber wer weiß, was die Zukunft bringt? Aktuell bringt mein „Ruhestand“ ein wenig Geschäftliches, etwas mehr Kulturelles und viel Müßiggängerisches mit sich. Das Leben ist schön, und ich genieße jeden Tag.
Was ist die wichtigste Selbsterkenntnis nach fast 40 Jahren Beschäftigung mit Büchern?
Ach, mit Superlativen hatte ich immer so meine Probleme. Trotzdem ist der Titel des vorletzten Buches von Amano Amoroso vielleicht programmatisch für unser Leben: „Lieb ich mich, lieb ich dich“ (2026) – wenn ich mich selbst ganz annehme (mich selbst mit allen meinen Facetten, Stärken, Schwächen, Unzulänglichkeiten und Leidenschaften wirklich liebe), bin ich in der Lage, auch den anderen in seiner gesamten, vielfältigen, oft widersprüchlichen Persönlichkeit anzunehmen und zu lieben. Wie sagt es der Buchautor Amano Amoroso? „Ich mag Mängelexemplare. Schließlich bin ich selbst eins.“
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Franziska Altepost

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